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WER IST JACK · Theater · 2011–2012

4 Uhr 48 >> ANDERS*

Ein Mann liegt bäuchlings auf dem Kühlschrank im Bühnenraum.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow

Ausgangspunkt sind Texte von Sarah Kane. Doch die Inszenierung verschiebt die Frage von der Krankheit auf die Ordnung, die sie hervorbringt: Wer spricht, wer diagnostiziert, wer gilt als normal – und wer wird als anders markiert?

Kostüm · Figurenordnung

Zu Beginn tragen die Figuren Kostümteile, die nicht zueinander gehören. Männlich und weiblich codierte Kleidung, private und geschäftliche Erscheinung geraten durcheinander. Erst später entstehen vollständige Kostüme. Erst in den vollständigen Kostümen werden die Figuren als farblich und materiell aufeinander bezogene Teile einer gemeinsamen Ordnung lesbar.

Zwei Figuren stehen frontal in einem dunklen Bühnenraum; hinter ihnen sind eine Stehlampe und leere Rahmen zu erkennen.
Preview Festival 100° · HAU Berlin · Foto: Antonio Perez Fernandez

Rollenverschiebung

Ein Gespräch scheint zunächst eindeutig: Patientin und Psychologin, behandelte und behandelnde Person. Später bleibt die vermeintlich stabile Figur allein zurück und schreibt einen Diagnosebericht. Während sie schreibt, wird das Geschriebene von Gedanken überlagert, die zuvor der Patientin zugeordnet waren. Die Rollen beginnen zu wandern.

WER wird hier therapiert?!

Eine Frau betrachtet den Raum durch eine dunkle Brille; hinter dem Vorhang erscheint ein Schatten.
Eine therapeutische Konstellation mit verschobenen Rollen.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow

Audio · Verstummen

1:57

Der Vorhang verändert nicht nur den Raum. Er verändert, wer sichtbar ist und wer die Ordnung bestimmt.

Eine Figur bewegt den Vorhang in einer schnellen, verwischten Bewegung.
Videostill · Video und Schnitt: Bendt Mørch Olsen
Videostill aus „A Song for My Loved One“ in der Inszenierung 4 Uhr 48 >> ANDERS*.

Projektion · Musik · Körper

Eine Projektion auf den Vorhang zeigt einen Mann in einer privaten Aufnahme. Er singt „A Song for My Loved One“, ein aus Kane-Material entwickeltes Lied über die Unfähigkeit, sich selbst zu begegnen und zu lieben. Nach dem Ende des Videos schlägt derselbe Schauspieler live im Raum mit einer bandagierten Krücke gegen den Vorhang und tritt aus dem hinteren Raum hervor.

Die zugeschriebene Rolle

Eine Figur bleibt ohne Text. Sie taucht auf, wird übersehen, verdrängt und vertrieben. Während die anderen unablässig zwischen Patient:in und Therapeut:in, Verletzlichkeit und Kontrolle wechseln, schreiben sie dieser Figur eine feste Rolle zu: Sie soll die Andere sein.

Slavisa Markovic mit Kopfhörern in 4 Uhr 48 >> ANDERS*.

Der Raum öffnet sich

Eine weitere Seite des Vorhangs öffnet sich. Der Raum erhält plötzlich Tiefe. Was zuvor wie ein fragmentarisches Wohnzimmer erschien, beginnt zwischen Privathaushalt und Klinik zu changieren: Sofa, Kühlschrank und Stehlampe stehen neben Krücken und Operationsutensilien auf einem Bügeltisch.

Die drei texttragenden Figuren erscheinen nun gemeinsam. Ihre Kostüme sind vollständig und aufeinander abgestimmt. Jede trägt eine Krücke. Die Ordnung von gesund und krank, behandelnd und behandelt, normal und anders bleibt dennoch instabil.

Bühnenraum mit Sofa, Kühlschrank und Requisiten.
Eine bandagierte Krücke liegt quer auf dem Sofa; dahinter öffnet sich der Bühnenraum.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow

Ist das hier ein stationärer Gruppenaufenthalt? Oder bin das alles ich?!

Mehrere Figuren zwischen privatem Raum und klinischer Ordnung.
Eine Figur in der offenen Bühnenraumordnung.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow

„No Hope“ wird so lange wiederholt, bis aus der Verneinung ein Rhythmus entsteht. Die Figur beginnt zu tanzen. Aus Hoffnungslosigkeit wird für einen Moment körperliche Befreiung. Und sogar die ausgelagerten Persönlichkeitsanteile können integriert oder zumindest geduldet werden.

Denn auch diese Momente gibt es.

Ein Moment von Musik, Bewegung und Leichtigkeit.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow

Historischer Teaser #7 · 2012

0:29

Die als anders markierte Figur wird einer grotesken Schönheitsoperation unterzogen. Die gewaltsame Anpassung erscheint als gemeinsamer Erfolg.

Die Schönheitsoperation mit Schläuchen und Operationsutensilien.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Alexander Zuckrow
Das Ergebnis der Schönheitsoperation im Rroma Aether Klub Theater.
Das Ergebnis der Schönheitsoperation im Rroma Aether Klub Theater.
Rroma Aether Klub Theater · Foto: Antonio Perez Fernandez

Die texttragenden Figuren steigen schließlich durch eine Kellerluke hinab. In Siebener-Schritten zählen sie dabei rückwärts von hundert.

Die als anders markierte Figur bleibt allein zurück. Sie legt Maleroverall und Masken ab, setzt Kopfhörer auf – Musik füllt den Raum. Die Figur räumt den Raum auf, nimmt Mantel und Koffer und verlässt das Theater an den Zuschauer:innen vorbei durch die reale Ladentür.

Recherche · Produktionskontext

Für die Textfassung setzte sich Christian David Fischer mit allen fünf Stücken Sarah Kanes, Interviews und Sekundärliteratur auseinander. Gemeinsam mit der Linguistin Danielle Winter überprüfte und überarbeitete er die deutsche Übersetzung des Ausgangstextes. Die Inszenierung entstand im Artist-in-Residence-Kontext im Rroma Aether Klub Theater – ein Raum in Berlin Neukölln, gegründet und geführt von den Brüdern Slavisa und Nebojsa Markovic.

Premiere

Mai 2011

Kontext

Artist in Residence am Rroma Aether Klub Theater

2012

Preview-Version · modulare Weiterentwicklung beim Festival 100° Berlin

Mai 2012

Premiere und weitere Aufführungen der modularen Version im Rroma Aether Klub Theater

Plakatierung und Guerilla-Marketing zur Produktion.
Guerilla-Marketing-Kampagne 2011

Credits

Vorlage
Inspiriert von und frei nach Texten von Sarah Kane
Textfassung, Regie und Musik
Christian David Fischer
Mit
Lisa Diringer, Sven Carl Gusowski, Nicole Hyde, Janina Knobbe, Elsa Loy, Slavisa Markovic
Dramaturgie
Danielle Winter, Eckart Seilacher
Lektorat
Danielle Winter
Kostüme
Bernadette Weber
Bühne
Kumi Umamoto
Videos und Schnitt
Bendt Mørch Olsen
Fotografien
Antonio Perez Fernandez, Alexander Zuckrow
Kooperation
Rroma Aether Klub Theater
Unterstützt durch
Theaterhaus Berlin Mitte
Gefördert vom
Kulturamt Neukölln
Archivmaterial Trailer, Prozessbilder und Dokumente öffnen ↓

Archivmaterial

Historische Dokumente und Werkstattfassung

Werkstatt-Trailer · 2012

1:22

Kampagnenmaterial zur Produktion im Berliner Stadtraum.

Prozess · Rroma Aether Klub Theater · Slavisa und Nebojsa Markovic · Foto: Alexander Zuckrow

Historische Einladung und HAU-Programm ansehen
Historische Einladung zu 4 Uhr 48 >> ANDERS* mit Aufführungsterminen und Credits.
Einladung · Mai 2012
Historischer Programmausschnitt zur Preview von 4 Uhr 48 decoding=> ANDERS* im HAU.">
Programmausschnitt · Festival 100° · HAU Berlin
Historische Plakatierung der Guerilla-Marketing-Kampagne im Berliner Stadtraum.