WER IST JACK · Theater · 2011–2012
4 Uhr 48 >> ANDERS*
Ausgangspunkt sind Texte von Sarah Kane. Doch die Inszenierung verschiebt die Frage von der Krankheit auf die Ordnung, die sie hervorbringt: Wer spricht, wer diagnostiziert, wer gilt als normal – und wer wird als anders markiert?
Kostüm · Figurenordnung
Zu Beginn tragen die Figuren Kostümteile, die nicht zueinander gehören. Männlich und weiblich codierte Kleidung, private und geschäftliche Erscheinung geraten durcheinander. Erst später entstehen vollständige Kostüme. Erst in den vollständigen Kostümen werden die Figuren als farblich und materiell aufeinander bezogene Teile einer gemeinsamen Ordnung lesbar.
Rollenverschiebung
Ein Gespräch scheint zunächst eindeutig: Patientin und Psychologin, behandelte und behandelnde Person. Später bleibt die vermeintlich stabile Figur allein zurück und schreibt einen Diagnosebericht. Während sie schreibt, wird das Geschriebene von Gedanken überlagert, die zuvor der Patientin zugeordnet waren. Die Rollen beginnen zu wandern.
WER wird hier therapiert?!
Audio · Verstummen
1:57
Der Vorhang verändert nicht nur den Raum. Er verändert, wer sichtbar ist und wer die Ordnung bestimmt.
Projektion · Musik · Körper
Eine Projektion auf den Vorhang zeigt einen Mann in einer privaten Aufnahme. Er singt „A Song for My Loved One“, ein aus Kane-Material entwickeltes Lied über die Unfähigkeit, sich selbst zu begegnen und zu lieben. Nach dem Ende des Videos schlägt derselbe Schauspieler live im Raum mit einer bandagierten Krücke gegen den Vorhang und tritt aus dem hinteren Raum hervor.
Die zugeschriebene Rolle
Eine Figur bleibt ohne Text. Sie taucht auf, wird übersehen, verdrängt und vertrieben. Während die anderen unablässig zwischen Patient:in und Therapeut:in, Verletzlichkeit und Kontrolle wechseln, schreiben sie dieser Figur eine feste Rolle zu: Sie soll die Andere sein.
Der Raum öffnet sich
Eine weitere Seite des Vorhangs öffnet sich. Der Raum erhält plötzlich Tiefe. Was zuvor wie ein fragmentarisches Wohnzimmer erschien, beginnt zwischen Privathaushalt und Klinik zu changieren: Sofa, Kühlschrank und Stehlampe stehen neben Krücken und Operationsutensilien auf einem Bügeltisch.
Die drei texttragenden Figuren erscheinen nun gemeinsam. Ihre Kostüme sind vollständig und aufeinander abgestimmt. Jede trägt eine Krücke. Die Ordnung von gesund und krank, behandelnd und behandelt, normal und anders bleibt dennoch instabil.
Ist das hier ein stationärer Gruppenaufenthalt? Oder bin das alles ich?!
„No Hope“ wird so lange wiederholt, bis aus der Verneinung ein Rhythmus entsteht. Die Figur beginnt zu tanzen. Aus Hoffnungslosigkeit wird für einen Moment körperliche Befreiung. Und sogar die ausgelagerten Persönlichkeitsanteile können integriert oder zumindest geduldet werden.
Denn auch diese Momente gibt es.
Die als anders markierte Figur wird einer grotesken Schönheitsoperation unterzogen. Die gewaltsame Anpassung erscheint als gemeinsamer Erfolg.
Die texttragenden Figuren steigen schließlich durch eine Kellerluke hinab. In Siebener-Schritten zählen sie dabei rückwärts von hundert.
Die als anders markierte Figur bleibt allein zurück. Sie legt Maleroverall und Masken ab, setzt Kopfhörer auf – Musik füllt den Raum. Die Figur räumt den Raum auf, nimmt Mantel und Koffer und verlässt das Theater an den Zuschauer:innen vorbei durch die reale Ladentür.
Recherche · Produktionskontext
Für die Textfassung setzte sich Christian David Fischer mit allen fünf Stücken Sarah Kanes, Interviews und Sekundärliteratur auseinander. Gemeinsam mit der Linguistin Danielle Winter überprüfte und überarbeitete er die deutsche Übersetzung des Ausgangstextes. Die Inszenierung entstand im Artist-in-Residence-Kontext im Rroma Aether Klub Theater – ein Raum in Berlin Neukölln, gegründet und geführt von den Brüdern Slavisa und Nebojsa Markovic.
Mai 2011
Artist in Residence am Rroma Aether Klub Theater
Preview-Version · modulare Weiterentwicklung beim Festival 100° Berlin
Premiere und weitere Aufführungen der modularen Version im Rroma Aether Klub Theater
Credits
- Vorlage
- Inspiriert von und frei nach Texten von Sarah Kane
- Textfassung, Regie und Musik
- Christian David Fischer
- Mit
- Lisa Diringer, Sven Carl Gusowski, Nicole Hyde, Janina Knobbe, Elsa Loy, Slavisa Markovic
- Dramaturgie
- Danielle Winter, Eckart Seilacher
- Lektorat
- Danielle Winter
- Kostüme
- Bernadette Weber
- Bühne
- Kumi Umamoto
- Videos und Schnitt
- Bendt Mørch Olsen
- Fotografien
- Antonio Perez Fernandez, Alexander Zuckrow
- Kooperation
- Rroma Aether Klub Theater
- Unterstützt durch
- Theaterhaus Berlin Mitte
- Gefördert vom
- Kulturamt Neukölln
Archivmaterial Trailer, Prozessbilder und Dokumente öffnen ↓
Archivmaterial
Historische Dokumente und Werkstattfassung
Werkstatt-Trailer · 2012
1:22
Prozess · Rroma Aether Klub Theater · Slavisa und Nebojsa Markovic · Foto: Alexander Zuckrow
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