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Ein Mann tritt vor ein kammerkonzertartig angeordnetes Publikum.
Er behauptet eine bürgerliche Existenz, eine Stellung im Orchester, ein Instrument.
Der Kontrabass ist nicht da.
Alles, was er besitzt, muss in eine große Plastiktasche passen.
Behauptung
Das Instrument fehlt.
Ein Teppichläufer steigt diagonal die Wand hinauf und zieht sich durch den Zuschauerraum. Eine kleine Stuhlleiter, ein Notenständer, ein Jackett. Mehr braucht es nicht, um ein Kammerkonzert zu behaupten.
Der Kontrabass bleibt unsichtbar. Was fehlt, wird zum Gegenüber.
Ist sie da?
Er spricht von Sarah.
In einigen Vorstellungen tritt sie plötzlich in den Raum. In anderen bleibt ihr Platz leer. So wird die Unsicherheit der Figur zur Unsicherheit des Publikums: Ist sie wirklich gekommen? Oder hat nur er sie gesehen?
Sarah Darge übernahm diesen modularen Part.
Entblößung
Bei genauerem Hinsehen.
Das Jackett glänzt. Der weiße Kragen sitzt. Doch der Kragen besteht aus Gaffa-Tape, die Kleidung ist schmutzig oder beschädigt. Die behauptete bürgerliche Erscheinung beginnt auseinanderzufallen.
Was wie Rüstung aussieht, schützt ihn nicht.
Obdachlosigkeit ist eine mögliche Lesart der Figur, keine festgeschriebene Biografie. Die Arbeit zeigt einen Menschen, dessen behauptete gesellschaftliche Position und tatsächliche Lebensbedingungen nicht mehr zusammenpassen.
Kampf
Er sucht sich
einen Gegner.
Er findet seinen Schatten.
Die Figur zieht Boxhandschuhe an und kämpft gegen einen Gegner, den nur das Licht erzeugt. Die Choreografie ist lang und körperlich extrem. Der Kampf bleibt nicht bloß Bild oder Behauptung: Der Körper ermüdet tatsächlich.
Der Gegner verschwindet nicht.
Er kann nicht verschwinden.
Kontrollverlust
Die andere
Straßenseite
Der Teppich ist nicht nur Boden und nicht nur Bühnenbild. Er markiert eine Grenze.
Die Figur springt auf die „andere Straßenseite“. Danach gehorcht ihr Körper nicht mehr: erst einzelne Gliedmaßen, dann die Beine.
Eine mögliche Unfallgeschichte bleibt angedeutet. Sie wird weder erklärt noch ausgeschlachtet. Entscheidend ist der Moment, in dem die Figur die Kontrolle über das eigene Weitergehen verliert.
Ein zerknitterter Becher.
Die Figur hält einen zerknitterten Coffee-to-go-Becher ins Publikum. Die kammerkonzertartige Sitzordnung wird plötzlich zu etwas anderem: Bühne und Straße fallen ineinander.
Die bürgerliche Behauptung lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Aus dem angekündigten Musiker wird ein Mensch, der um etwas bitten muss.
Verschwinden
Alles muss
wieder hinein.
Die Figur packt ihre Habseligkeiten zurück in die große Plastiktasche. Was eben noch Bühnenraum, Orchester und bürgerliche Existenz behauptet hat, wird wieder tragbar.
Aus einem Kofferradio in seiner Tasche erklingt „Sara“ von Bob Dylan.
Die Figur geht.
Werkzusammenhang
ER KONTRA BASS wurde als mobile, ortsbezogene Installation entwickelt. Die Arbeit existierte als Preview, als Bühnenfassung und als Akustikzimmer-Version.
Trailer
Preview bei 48 Stunden Neukölln im Alter Roter Löwe Rein
Bühnenfassung im DURCHBRUCH
Akustikzimmer-Version im KUNSTMOMENT
Credits
- Mit
- Sven Carl Gusowski
- Modularer Part Sarah
- Sarah Darge
- Vorlage
- Inspiriert und frei nach Motiven von Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ und den Straßen Berlin-Neuköllns
- Regie
- Christian David Fischer
- „Kampf“ – vertonter Text
- Manuel de Falla
- Gesang
- Nicole Hyde
- Piano
- Klaus Sallmann
- Dramaturgie
- Eckart Seilacher
- Raumkonzept und Ausstattung
- Christian David Fischer, Kumi Umamoto, Bernadette Weber
- Assistenz
- Antonio Perez Fernandez
- Hospitanz
- Louis Gerhardt
- Produktion
- Selina Langenegger, Katrin Wiehle
- Unterstützung und Förderung
- Theaterhaus Berlin Mitte · Kulturamt Neukölln
- Fotos
- Überwiegend Bendt Mørch Olsen; weitere Fotos von Kumi Umamoto und Immanuel Esser. Einzelzuordnung teilweise nicht mehr gesichert.