Die Silhouette eines Mannes im Gegenlicht, umgeben von aufspritzendem Wasser.

WER IST JACK · Theater

ErKontraBass

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Ein Mann tritt vor ein kammerkonzertartig angeordnetes Publikum.

Er behauptet eine bürgerliche Existenz, eine Stellung im Orchester, ein Instrument.

Der Kontrabass ist nicht da.

Alles, was er besitzt, muss in eine große Plastiktasche passen.

Behauptung

Das Instrument fehlt.

Ein Teppichläufer steigt diagonal die Wand hinauf und zieht sich durch den Zuschauerraum. Eine kleine Stuhlleiter, ein Notenständer, ein Jackett. Mehr braucht es nicht, um ein Kammerkonzert zu behaupten.

Der Kontrabass bleibt unsichtbar. Was fehlt, wird zum Gegenüber.

Ist sie da?

Er spricht von Sarah.

In einigen Vorstellungen tritt sie plötzlich in den Raum. In anderen bleibt ihr Platz leer. So wird die Unsicherheit der Figur zur Unsicherheit des Publikums: Ist sie wirklich gekommen? Oder hat nur er sie gesehen?

Sarah Darge übernahm diesen modularen Part.

Entblößung

Bei genauerem Hinsehen.

Das Jackett glänzt. Der weiße Kragen sitzt. Doch der Kragen besteht aus Gaffa-Tape, die Kleidung ist schmutzig oder beschädigt. Die behauptete bürgerliche Erscheinung beginnt auseinanderzufallen.

Hände richten den Kragen am Jackett der Figur.
Die Figur trägt unter dem Jackett einen improvisierten Kinder-Ritterpanzer.
Unter der Kleidung: Kinder-Ritterpanzer aus Plastik und Gaffa-Tape, dazu Bandagen.
Was wie Rüstung aussieht, schützt ihn nicht.

Obdachlosigkeit ist eine mögliche Lesart der Figur, keine festgeschriebene Biografie. Die Arbeit zeigt einen Menschen, dessen behauptete gesellschaftliche Position und tatsächliche Lebensbedingungen nicht mehr zusammenpassen.

Kampf

Er sucht sich
einen Gegner.

Er findet seinen Schatten.

01 Kampf 1:55 · Vertonter Text: Manuel de Falla · Gesang: Nicole Hyde · Piano: Klaus Sallmann

Die Figur zieht Boxhandschuhe an und kämpft gegen einen Gegner, den nur das Licht erzeugt. Die Choreografie ist lang und körperlich extrem. Der Kampf bleibt nicht bloß Bild oder Behauptung: Der Körper ermüdet tatsächlich.

Die Figur liegt mit Boxhandschuhen auf dem Teppich.
Der Gegner verschwindet nicht.
Er kann nicht verschwinden.

Kontrollverlust

Die andere
Straßenseite

Der Teppich ist nicht nur Boden und nicht nur Bühnenbild. Er markiert eine Grenze.

Die Figur springt auf die „andere Straßenseite“. Danach gehorcht ihr Körper nicht mehr: erst einzelne Gliedmaßen, dann die Beine.

Ein Arm. Ein Bein. Noch ein Schritt. Nicht mehr.

Eine mögliche Unfallgeschichte bleibt angedeutet. Sie wird weder erklärt noch ausgeschlachtet. Entscheidend ist der Moment, in dem die Figur die Kontrolle über das eigene Weitergehen verliert.

Ein zerknitterter Becher in einer behandschuhten Hand, die Figur unscharf dahinter.

Ein zerknitterter Becher.

Die Figur hält einen zerknitterten Coffee-to-go-Becher ins Publikum. Die kammerkonzertartige Sitzordnung wird plötzlich zu etwas anderem: Bühne und Straße fallen ineinander.

Die bürgerliche Behauptung lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Aus dem angekündigten Musiker wird ein Mensch, der um etwas bitten muss.

02 Entschuldigung 1:04 · Audioausschnitt aus der Inszenierung

Verschwinden

Alles muss
wieder hinein.

Die Figur packt ihre Habseligkeiten zurück in die große Plastiktasche. Was eben noch Bühnenraum, Orchester und bürgerliche Existenz behauptet hat, wird wieder tragbar.

Aus einem Kofferradio in seiner Tasche erklingt „Sara“ von Bob Dylan.

Die Figur geht.

Eine Teppichkante führt durch den Vordergrund; die Figur ist am entfernten Ende kaum zu erkennen.

Werkzusammenhang

ER KONTRA BASS wurde als mobile, ortsbezogene Installation entwickelt. Die Arbeit existierte als Preview, als Bühnenfassung und als Akustikzimmer-Version.

Trailer

2013

Preview bei 48 Stunden Neukölln im Alter Roter Löwe Rein

2014

Bühnenfassung im DURCHBRUCH

2014

Akustikzimmer-Version im KUNSTMOMENT

Credits

Mit
Sven Carl Gusowski
Modularer Part Sarah
Sarah Darge
Vorlage
Inspiriert und frei nach Motiven von Patrick Süskinds „Der Kontrabass“ und den Straßen Berlin-Neuköllns
Regie
Christian David Fischer
„Kampf“ – vertonter Text
Manuel de Falla
Gesang
Nicole Hyde
Piano
Klaus Sallmann
Dramaturgie
Eckart Seilacher
Raumkonzept und Ausstattung
Christian David Fischer, Kumi Umamoto, Bernadette Weber
Assistenz
Antonio Perez Fernandez
Hospitanz
Louis Gerhardt
Produktion
Selina Langenegger, Katrin Wiehle
Unterstützung und Förderung
Theaterhaus Berlin Mitte · Kulturamt Neukölln
Fotos
Überwiegend Bendt Mørch Olsen; weitere Fotos von Kumi Umamoto und Immanuel Esser. Einzelzuordnung teilweise nicht mehr gesichert.
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